Montag, September 16, 2019

Die Hafenschwester – Als wir zu träumen wagten von Melanie Metzenthin

Die Berufung


Es ist der 19. August im Jahre 1892, in Hamburg feiert Martha Westphal ihren vierzehnten Geburtstag. Ihre Mutter hat ihr zwanzig Pfennige zur freien Verfügung überlassen. Das ist enorm viel Geld für das Mädchen. Martha legt das Geld in Süßigkeiten an, die sie später am Tag mit ihren jüngeren Geschwistern Heinrich und Anna teilen möchte. Doch der Tag nimmt nicht den erhofften Verlauf, Marthas heile Welt beginnt zu bröckeln. Ihre beste Freundin muss einen Lebensweg einschlagen, von dem Martha nahezu schockiert ist, gerne hätte sie der Freundin diesen Weg erspart. Aber damit nicht genug, als Martha nach Hause, ins Gängeviertel kommt, ist die kleine Schwester erkrankt. Wie die Mutter annimmt, hat sich Anna wieder einmal mit einer Magen- und Darmgrippe infiziert. Sie schickt das Mädchen erneut hinaus. Aufgewühlt begibt sich Martha zum Hafen, nimmt dort Platz und beobachtet das geschäftige Treiben. Auf diese Weise findet sie bislang immer ihre Ruhe und Kraft zurück. Noch kann das Mädchen nicht ahnen, dass von nun an sein Leben auf dem Kopf steht und es erwachsen werden muss. Denn von nun an verändert sich alles ...

Beim Lesen fühle ich mich sofort ins Hamburg des Jahres 1892 hinein versetzt, kann den Trubel und die ärmlichen Verhältnisse im Arbeiterviertel Hamburgs wie in einem Kinofilm vor mir ablaufen sehen. Die einzelnen Szenen sind voller liebevoller Details gezeichnet und das Milieu ist fassbar und lebendig. Brillant erzählt und mit Figuren voller Charakter und Echtheit, das ist die neue Serie um die Hafenschwester Martha, die sich durch ein schweres Leben und harte Zeiten kämpft, aber immer, unbeirrt ihren Traum vor Augen hat und ihn für sich umsetzt. Gefühle wie Liebe, Abscheu, Rivalität, Freundschaft, Zusammenhalt all die finden Platz in diesem Roman und die Autorin kann sie fassbar umsetzen und ehrlich und glaubhaft rüber bringen. Ihre Figuren sind zumeist liebenswert, doch natürlich gibt es auch den einen oder anderen Stinkstiefel, in ihrer Gesamtheit spielen sie jedoch hervorragend zusammen. Sprache und Schreibstil der Autorin sind einzigartig und auf höchstem Niveau angesiedelt, trotzdem in einer Leichtigkeit erzählt, so dass ich nichts als Freude beim Lesen empfinde. Die Dialoge reißen mich mit, unterstützen die Dynamik der Story grandios. Viele Gedanken und Sätze sind sofort zu Lieblingen erkoren und unvergesslich.

Egal was ich von der Autorin bisher gelesen habe, ob Thriller, historischer Roman oder Sachbuch, ich fühle mich bei der Lektüre ihrer Bücher immer und stets außerordentlich gut unterhalten. Bewundernswert recherchiert ist hier alles stimmig und ausgefeilt: die Zeit, das Leben der unterschiedlichen Schichten, die Sprache, die Figuren und die Geschichte selbst. Die Autorin Melanie Metzenthin verfügt über ein immenses Wissen über die Historie der Medizin und der Stadt Hamburg und sie kann uns Lesern dies auf wunderbare Weise nahe bringen.

Deshalb vergebe ich hier natürlich fünf von fünf möglichen Sternen, ernenne dieses Buch zu einem meiner Herzensbücher und empfehle es so klar weiter. Gerade Liebhaber historischer Romane werden nicht enttäuscht. Gleichwohl ist dieses Buch auch ein Buch über die Emanzipation, die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Auf den nächsten Band freue ich mich persönlich bereits jetzt! Liebe Leser, bitte dieses Buch unbedingt lesen!

Herzlichen Dank an das Bloggerportal von der Randomhouse-Gruppe für die freundliche Bereitstellung eines Rezensions-Exemplars. Es ist so beglückend, dass ich dieses Buch lesen durfte!

Über die Autorin:
Authentische Erzählungen vergangener Zeiten: Melanie Metzenthin, geboren 1969 in Hamburg, ist hauptberuflich Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Zu ihren Patienten gehörten lange Zeit sowohl traumatisierte Menschen als auch psychisch kranke Straftäter.
Ihre berufliche Erfahrung bringt sie gern in ihre Arbeit als Schriftstellerin ein. Viele ihrer Figuren profitieren so von einer Tiefe, die ihnen viel Glaubwürdigkeit verleiht.
Melanie Metzenthin veröffentlicht bei verschiedenen deutschen Verlagen hauptsächlich historische Romane, in denen die Medizin und häufig auch die Psychiatrie eine wichtige Rolle spielen. (Quelle: Lovelybooks.de)

Hier noch einmal der Original-Klappentext zum Nachlesen:
Hamburg, 1892: Die Cholera erschüttert die Stadt an der Elbe und fordert tausende Opfer. Als Marthas Mutter stirbt, muss sie das Überleben ihrer Familie sichern. Die junge Frau aus dem armen Gängeviertel ergattert eine Lehrstelle am Eppendorfer Krankenhaus und arbeitet sich bis zur OP-Schwester hoch. Während die Ärzte sich im Wettlauf gegen die Zeit befinden, ist Hamburg auch im politischen Umbruch: Die Hafenarbeiter streiken, die Frauen kämpfen ums Wahlrecht und für die Rechte von Prostituierten. Martha schließt sich der Frauenbewegung an und führt gleichzeitig ihren ganz persönlichen Kampf. Denn sie hat nicht nur die Liebe zur Medizin entdeckt, sondern – gegen die strengen Regeln am Krankenhaus – auch zu einem jungen Mann.