Sonntag, Juni 19, 2016

Zwei Meinungen - ein Buch; heute: Geschwärzt von Antonia Fennek



Zwei Ansichten zu dem Buch Geschwärzt von Antonia Fennek.





Zunächst die Meinung von Wolfgang Haupt, Autor:
Achtung Spoiler!

Zum Stoff:
Krankenhaus, forensische Psychiatrie. Grundsätzlich ein spannender Schauplatz, der gut erklärt wird. Hätte ich das Nachwort nicht gelesen, hätte ich Mängel erkannt.
Die Praktikantin Anabel, Tochter einer dort tätigen Psychiaterin, macht ein Praktikum, um sich ein Bild von dort zu machen. So weit, so gut. Sie darf sich ohne Aufsicht bewegen ... eher nicht. Jemand Fachfremden eine derartige Freiheit zu gönnen erscheint mir weder vernünftig noch gesetzeskonform. Auch dass sie dieselben Schlüssel bekommt wie die reguläre Pflegemannschaft erzeugte ein nicht zu stillendes Unwohlsein. Da erkennt man anfänglich ein Plotelement, das später zum Tragen kommen soll. Und da offenbart sich eine Schwäche des Buchs. Die Mechanik ist offensichtlich, ich habe nur gewartet, dass die Schlüssel zum Einsatz kommen. Ein ähnlicher Fall: Der Peilsender des sudanesischen Agenten. Das ist so klar, dass es Spannung wegnimmt. Hätte ihm Kashka einen anderen Grund genannt, zum Beispiel ihn als Agenten erkennbar zu machen, um ihn im Zweifelsfall orten zu können, hätte das eine andere Dynamik ins Spiel, wenngleich der erfahrene Leser das möglicherweise erkannt hätte. Zudem hätte Bräuning im Schmerz gestehen können. Er ist, was das betrifft, ein Laie, nie zuvor gefoltert worden, reagiert trotzdem kühl. Das bringt ihm Sympathie. Aber wer jemals einen gebrochenen Arm verdreht bekam, der weiß, dass klare Gedanken in dieser Situation schwer sind. Vor allem weil Bräuning zuvor als sensibler Mensch dargestellt wird. Da waren einige Stellen, die mir einfach zu offensichtlich waren. Zudem ein paar plakative Szenen, die
Schmonzette zwischen ihm und Anabel, die sich subtil ankündigt und im Hollywoodstil beinahe ihr Ende findet.
Im Vergleich dazu gibt es wieder Dinge, die ich für intelligent gelöst halte. Das Zusammenspiel von Kashka und Anabel bei Dahmer, obwohl ich es für riskant halte, arabisch zu sprechen, weil ein solches Kaliber an Makler das vielleicht selbst beherrscht.
Natürlich ist das Jammern auf hohem Niveau, denn die Geschichte passt, ist stimmig und schwer auseinanderzunehmen. Am stärksten fand ich den Anfang und das Ende, in der Mitte hat es, wie so viele Bücher dieser Länge einfach ein Loch. Das wird meist mit Belanglosigkeiten wie Teekochen oder Kaffetrinken gefüllt. Da hätte ich mir den Rotstift gewünscht, weil es lange auf der Stelle tritt. Dann zieht es wieder an, da wollte ich nicht zu Lesen aufhören. Ein gutes Finale, auch wenn man schon weiß, wie es endet.
Kein Überraschungsmoment. Nicht zuletzt, weil sich das Tempo gegen Ende nur wenig ändert. Da steht man in einer Kanzlei, wo sich die entführten Kinder und der aufhalten, wo es um Leib und Leben geht, und man reißt Witze, kichert, grinst, etc.
Da fehlt mir die Ernsthaftigkeit der Sprache, beziehungsweise schafft sie eine unnötige Distanz, das sie die Ereignisse relativiert.
Zu den Charakteren: So richtig mitgefiebert habe ich mit keinem, dafür sind mir alle ein wenig zu glatt, zu vorhersehbar, auch wenn sie eine Vorgeschichte haben, die man auch klar spürt. Das liegt aber weniger an der Qualität des Buches als an meinen Vorlieben für Zerrissene. Sie dümpeln alle ein wenig dahin, werden mehr von Ereignissen gelenkt als von ihrer Motivation. Da hatte ich auch mit Anabel und ihrer mutmaßlichen Schwärmerei für Peter meine Probleme. Anfänglich ist sie idealistisch geprägt, das verliert sich später in ihrem mädchenhaften Verhalten. Da kommt es kaum zu
Konflikten zwischen ihr und der Mutter, das wird im Nachhinein geklärt. Das wiederum hat mir Spannung herausgenommen. Ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Zumindest zwischen den "Guten". Deshalb habe ich auch nicht an Peters Unschuld gezweifelt. Weil die Grenze zwischen den Charakteren recht klar gezogen ist. Claudia zum Beispiel ist zutiefst unsympathisch, ein Charakter, der sich noch offenbart. Dass sie mit von der Partie ist, ist klar, da wird es dem Leser einfach gemacht, sie nicht zu mögen, beziehungsweise ihren kometenhaften Aufstieg zum Oberbösewicht nachzuvollziehen.
Dieselbe Hintertür gilt für Bräuning, wenn man seine fragliche Kinderschänderei außer Betracht lässt. Hätte er das nicht, gehörte er unverkennbar zu den "Guten". Das lässt die Charaktere wiederum farblos erscheinen, wenngleich sie so offensichtliche Sympathieträger sind. Ich habe eben lieber einen, der schwer zu mögen, aber interessant ist.
Retrospektiv ein solider Krimi, aber kein Toptitel, dafür habe ich zu wenig mitgefiebert.
(Wolfgang Haupt vergibt 4 von 5 möglichen Sternen)

Hier die Meinung von Angis Bücherkiste:


Unschuldig gefangen?

Die im Maßregelvollzug tätige Psychiaterin Regina Bogner sieht sich immer wieder Konfrontationen mit ihrer kurz vor dem Abitur stehenden Tochter Anabel ausgeliefert. Anabel, kann nicht verstehen, warum sich ihre Mutter so bereitwillig den Gefahren im Umgang mit psychisch kranken Straftätern aussetzt. Diese hat schlussendlich die Idee, dass Anabel in den Ferien ein Praktikum in der Klinik absolvieren könnte, um ihr zu zeigen, dass die Arbeit wichtig ist. Anabel sagt schließlich zu, allerdings nur unter der Prämisse, dass ihre Mutter verspricht, sich eine neue Arbeit zu suchen, sollte sie, Anabel, überzeugende Nachweise finden, die gegen eine weitere Tätigkeit sprechen. Kurz nach Antritt des Praktikums lernt Anabel den Patienten Peter kennen, der immer wieder seine Unschuld beteuert und erstaunlicherweise, ist es Anabel, die sich für ihn einsetzt.

Dieser Thriller, der sich im Umfeld einer Psychiatrie abspielt, fasziniert und erschreckt mich gleichermaßen. Die Autorin Antonia Fennek verfügt als Insiderin über die notwendigen Hintergrundinformationen, denn sie hat selbst als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie fast acht Jahre lang in der forensischen Psychiatrie, auch Maßregelvollzug genannt, gearbeitet. Meine alarmierende Erkenntnis aus der Lektüre dieses Buches: besser nicht unschuldig in die Klauen des Maßregelvollzuges zu geraten, denn die Chancen, seine Freiheit jemals wieder zu erlangen erscheinen vernichtend gering. Antonia Fennek fesselt mich von der ersten bis zu letzten Seite ihres gut durchdachten Psychothrillers. Sehr schnell habe ich große Sympathie für ihren Protagonisten Peter Bräuning empfunden und mit ihm mitgefiebert, ob man ihm Glauben schenken wird, ob er sich selbst aus seiner Lage befreien kann, indem er seine Unschuld beweist oder ob er für immer verloren sein wird. Neben der hochspannenden Story sind es ihre Charaktere, die mich begeistern, sie spielen allesamt hervorragend miteinander und ergänzen sich perfekt. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, ihre Sprache angenehm, die Dialoge äußerst authentisch.

Von Herzen gerne vergebe ich diesem Buch fünf von fünf möglichen Sternen und empfehle es unbedingt und dringlichst weiter, an Leser, die wie ich eine Leidenschaft zu Medical Thrillern haben und sich auf der Suche nach einer adäquaten, deutschsprachigen Alternative zu Katzenbach, Gómez-Jurado und Co. befinden. 

Von Antonia Fennek sind bislang erschienen:



Die Veröffentlichungen meines Gastes Wolfgang Haupt: 

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