Mittwoch, Juni 15, 2016

Autoren - Interview mit Robert Scheer



Am 11.03.2016 erschien von dem Autoren Robert Scheer die Biographie "Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück (Nahaufnahmen)" im Marta Press Verlag. Heute hat sich Robert Scheer zu diesem Interview bereit erklärt.




Hier zunächst der Klappentext zum Buch:
2014 reist der wahldeutsche Autor Robert Scheer nach Israel, um dort seine Großmutter Elisabeth Scheer, genannt Pici, über ihre Kindheit und Jugend zu befragen. Pici feiert in dem Jahr ihren 90. Geburtstag. Ihrem Enkel gegenüber gibt Pici Auskunft, wie sich in den 1940er Jahren durch den Nationalsozialismus die Lage für die jüdische Bevölkerung in Ungarn verschlechterte. Sie berichtet über ihre furchtbaren Erlebnisse in den Ghettos Carei und Satu Mare, im Konzentrationslager Auschwitz, im berüchtigten Außenlager Walldorf, im Konzentrationslager Ravensbrück und im mecklenburgischen Rechlin, bis sie 1945 im mecklenburgischen Malchow befreit wurde. Pici`s Eltern, ihre Schwestern, ihr Bruder, ihr Schwager und ihre kleine Nichte wurden im Holocaust ermordet.
Pici`s detailreichen Erinnerungen machen es den Leserinnen und Lesern leicht, sich das Leben in der damaligen Zeit vorzustellen, in der es Alltag und Familie gab, später dann Unmenschlichkeit und Vernichtung und nur vereinzelt auch Mitgefühl und Solidarität. Pici stirbt 2015 mit 91 Jahren.
» … jetzt, zurückdenkend, gab es in meinem Leben reichlich erschütternde Momente, aber irgendwie fand ich immer einen kleinen Schutz, einen Strohhalm, womit ich aus der Grube heraussteigen konnte, um weiter zu schreiten und um zu hoffen.«


Hallo Robert, schön Dich als Gast bei Angis Bücherkiste begrüßen zu dürfen!
Herzlichen Dank für Deine Einladung!

Welche ihrer Eigenschaften bewunderst Du am meisten an Pici?
Pici hat mich sehr geliebt; sie hatte sehr viel Liebe in ihrem Herzen. Als junger Mensch nahm ich diese Liebe als selbstverständlich, denn ich dachte, es wäre normal so. Irgendwann habe ich aber doch die Erfahrung gemacht, dass nicht bei allen Familien die Liebe selbstverständlich ist, im Gegenteil, bei den meisten Familien ist die Liebe eine Ausnahme. Insbesondere in den sogenannten „entwickelten Ländern“ scheint die Liebe in der Familie verschwunden zu sein. Die Mitglieder der Familie verhalten sich zu einander eher als Bekannte und Liebe ist genau das Element was fehlt. Da kann ich mich nur als glücklich bezeichnen, denn bei meiner Familie fehlte vielleicht dies oder das, aber es fehlte nie an Liebe. Und was ist schon wichtiger als die Liebe? Heutzutage sind die Menschen von Geld und Macht besessen, aber es sind die Dinge, die nichts kosten, die wirklich einen Wert haben. Wir sind geboren und dafür müssen wir nichts bezahlen. Die Liebe ist ebenfalls frei von Gebühren. Das Problem ist, dass wir die Welt mit dem Kopf betrachten. Und der Kopf ist oft ziemlich krank. Was ist letztendlich wichtig? – Das ist die Frage, die wir uns stellen sollten. Meine Antwort: Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und meine Frau. Und natürlich Picis kompromisslose Liebe. Obwohl meine Großmutter seit August 2015 nicht mehr in dieser Welt ist, lebt sie mit mir; sie ist in meinem Herzen. Das kann niemanden von mir nehmen. Der Tod ist sowieso nicht etwas, was man ernst nehmen sollte. Der Tod ist bloß eine Umwandlung, ein Spaziergang in eine andere Richtung. Nicht einmal der Tod kann der Liebe etwas entgegensetzen. Der Tod ist da, sobald wir geboren sind. Die Kunst besteht nicht im Sterben, sondern im Leben. Und ohne Liebe ist das Leben sowieso nur ein Friedhof.

Wie hast Du Pici in Deiner Kindheit erlebt, wie war sie da als Oma?
Weil sie mich über alles liebte, hat sie mir alles gegeben. Wenn ich ihr gesagt hätte, dass sie für mich sterben sollte, hätte sie es wohl auch getan. Diese große Liebe hatte ich meistens nicht ausgenutzt, denn ich liebte sie ja auch. Aber sie war älter und weiser als ich, damit ich viel von ihr lernen konnte. Pici war eine sehr scharfsinnige Frau. Sie hatte ein Gedächtnis wie kein anderer. Sie konnte Gedichte in verschiedenen Sprachen auswendig aufsagen und dies Stunden lang ohne Unterbrechung. Alles was sie gelesen hat, schien sie im Kopf behalten zu können. Bei mir ist das ganz anders: ich kann mich kaum erinnern, was ich am Tag zuvor, geschweige denn der Woche zuvor, gelesen habe. Die Sommerferien habe ich und mein Bruder bei Pici und meinem Großvater in Carei verbracht. Dort verbrachten wir die schönsten Monate des Jahres. Dort fehlte es uns an nichts. Es war das Paradies auf Erden – im Nachhinein betrachtet, versteht sich.

Welche Farbe würdest Du am meisten mit Pici verbinden?
Oh, das ist eine interessante Frage. Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Weil ich wirklich nicht weiß, was ich darauf antworten soll, sage ich weiß-blau; Pici war sehr stolz, dass es ein Land wie Israel gab, und weil die Fahne des Landes Weiß und Blau ist, sage ich: blau-weiß ...

Hat Pici schon früh von ihren unglaublich schlimmen Erlebnissen berichtet oder erst als Du selbst erwachsen warst?
Soweit ich denken kann, habe ich die Worte Jude und Auschwitz gehört. Schon immer wusste ich, dass es in meiner Familie eine Verbindung zu einer dunklen Zeit der Weltgeschichte gab. Natürlich wusste ich nicht ganz, worum es ging, aber Andeutungen gab es von Anfang an. Interessanterweise erzählte mir Pici und meinem Bruder über solche Sachen, meinem Vater aber nie. In der Psychologie der Holocaust-Überlebenden ist es bekannt, dass die erste Generation der zweiten nichts sagt, wobei sie der dritten viel erzählt. Bei uns war es nicht anders. Glücklicherweise ist nun deswegen auch Picis Buch entstanden. Und es würde mich ungeheuer freuen, wenn dieses Buch viele Leser finden würde. Dass das Buch erschienen ist, würde meine Großmutter unendlich freuen und deswegen tue ich was ich kann, um dieses Buch an die Öffentlichkeit zu bringen. Dieses Buch ist womöglich das wichtigste Buch, das ich schreiben werde, obwohl es doch das Buch von Pici ist. Das ist eine schöne Geschichte, finde ich und jedes verkaufte Exemplar freut mich so, als wäre es eine Million.

Pici war selbst sehr strebsam in der Schule, war sie auch eine strenge Großmutter in Erziehungsfragen?
Nicht wirklich, aber wenn ich zum Beispiel in Mathematik Probleme hatte, hat sie mir geholfen. Sie hätte bestimmt eine gute Lehrerin sein können und sie wäre es auch gerne gewesen, wenn der Lauf der Geschichte anders gewesen wäre. Sie mochte Lesen bis zu ihrem Tod. Das Lesen war ihre Leidenschaft. Weil sie tausende von Büchern hatte, kannte ich und mein Bruder von früh an die Namen der berühmten Schriftsteller. Buchstäblich waren wir in den Sommerferien mit Büchern umgeben. Vor dem Einschlafen haben mein Bruder und ich die Namen der Romane und Schriftsteller gelesen. Wir konnten kaum lesen, aber die Bücher waren schon da. Der frühe Kontakt mit Büchern hat vermutlich etwas in mir bewirkt um später Schriftsteller zu werden. Es dauerte noch lange bis ich selber Bücher las, aber sie schienen wegen Pici immer da gewesen zu sein. Vielleicht deswegen mag ich keine dicken Bücher, denn sie waren für ein Kind ein wenig furchterregend und schwer. Picis und auch die Erziehung meiner Eltern war gut, denn ich erhielt die Freiheit, die ich brauchte, durch die ich mich entfalten, entwickeln konnte. Für mich war das auf jeden Fall sehr gut, obwohl ich das Gegenteil von strebsam war: ich war faul. Aber ich denke, die Voraussetzung für ein Künstlerdasein ist faul zu sein. Künstler die „tun“ sind ja keine echten Künstler, sondern Heuchler. Dies ist aber eine Diskussion an und für sich ...

Was hat Dir Pici für Dein Leben mitgegeben?
Die Liebe. Ja, man braucht ein wenig zu essen und trinken, Kleider, ein Dach über den Kopf. Dennoch: wenn man von früher Kindheit die Liebe spürt, dann kann man sich nicht beklagen. Ja, ich denke, Pici hat mich mit Liebe verwöhnt. Und was ist Glück, wenn nicht genau das.

Herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten!



Von Robert Scheer sind bisher folgende Bücher erschienen:



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